Themenfelder des Gedenkens
Zwangssterilisationen / Erbgesundheitsgerichte / PatientInnenmorde / verbrecherische Forschung am Menschen
Die Begriffe „Euthanasie“ und Zwangssterilisation beschreiben zwei der bekanntesten und mittlerweile vielfach erforschten Medizinverbrechen der NS-Zeit. Der beschönigende Ausdruck „Euthanasie” wich der treffenderen Bezeichnung „Patientenmorde” und bezeichnet die systematische Ermordung von Anstaltspatienten und -patientinnen zwischen 1939 und 1945.
Ärzte und Bürokraten entwickelten einen komplexen Erfassungs- und Selektionsapparat, um die Ermordung von mehr als 190.000 Personen zu organisieren. Das Zwangssterilisationsprogramm der Nationalsozialisten begann bereits im Juli 1933 mit dem „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“. Von 1934 bis 1945 tagten dann sogenannte Erbgesundheitsgerichte, bei denen Juristen und Ärzte die Sterilisierung von mehr als 310.000 Menschen beschlossen. Auch in Heidelberg fanden diese Verbrechen statt: In Bergheim beteiligte sich der Psychiater Prof. Dr. Carl Schneider als Gutachter an den Patientenmorden und missbrauchte Kinder mit geistigen Einschränkungen als Forschungsobjekte. Ebenso nötigte das in der Altstadt eingerichtete Erbgesundheitsgericht mehr als 1 500 Menschen zu Zwangssterilisationsoperationen in den Heidelberger Stadt- und Universitätskliniken.
Die Stadtverwaltung als Unrechtsvollzugsorgan
Die Heidelberger Stadtverwaltung wirkte auch in der NS-Diktatur als wichtiges Bindeglied zwischen Staat und Gesellschaft vor Ort. Die Institution und ihr Personal passten sich im Zuge der Machtübernahme an. Bisher sind fünf Bereiche bekannt, in denen sich der Oberbürgermeister, aber auch einfache Rathausmitarbeitende an nationalsozialistischem Unrecht beteiligten:
Die Entlassung politisch missliebiger Kolleginnen und Kollegen, die Verfolgung der Heidelberger Jüdinnen und Juden sowie Sintizze und Sinti, die Ausbeutung ausländischer Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter während des Zweiten Weltkriegs sowie die Verfolgung (vermeintlich) kranker und armer Menschen. Je nach Opfergruppe ist der Wissensstand unterschiedlich. Seit 2023 entsteht eine Doktorarbeit, die das Handeln der Heidelberger Stadtverwaltung im Nationalsozialsozialismus erstmals systematisch untersucht.
Organisierter Widerstand, Alltagswiderstand und Verweigerung. Heidelberger:innen in Opposition zum NS-Faschismus.
Antifaschistische Flugblätter, konspirative Diskussionsgruppen, organisierte oder individuelle Hilfe für Verfolgte, Flüsterwitze und verweigerter Hitlergruß – auch in Heidelberg hatte der Widerstand gegen den NS-Faschismus viele Gesichter. Von den NS-Behörden verfolgt, wurden viele überlebende Antifaschist:innen auch nach der Befreiung lange Zeit wenig gewürdigt oder sogar offen geschmäht. Das galt für antifaschistische Widerstandsgruppen aus der Arbeiter:innenbewegung und christliche Netzwerke ebenso wie für individuellen Alltagswiderstand und Verweigerung. Parallel entstanden jedoch auch erste Gedenk- und Erinnerungsprojekte sowie einzelne Publikationen.
Erst in jüngerer Zeit wird die Thematik verstärkt wissenschaftlich erforscht. Auch die Erinnerungskultur ist mit Mahnmalen und Straßennamen, regelmäßigen Gedenkveranstaltungen, zivilgesellschaftlichen Initiativen und unterschiedlichen Bildungsprojekten in vielen Bereichen präsent.



