Expedition Poesie

Lyriker*innen aus zwei Sprachen übersetzen ihre Gedichte miteinander

Seit 2016 bringt die UNESCO City of Literature Heidelberg Dichter:innen aus Heidelberg mit Kolleg:innen aus anderen UNESCO Cities of Literature zusammen. „Expedition Poesie“ ist ein besonderes Format für internationalen literarischen Austausch: In mehrtägigen Übersetzungswerkstätten begegnen sich Autor:innen aus zwei Städten, zwei Sprachen und unterschiedlichen kulturellen Kontexten, um gemeinsam ihre Gedichte zu übersetzen.
Im Mittelpunkt steht dabei nicht allein das fertige Ergebnis, sondern vor allem der gemeinsame Weg dorthin. Drei Lyriker:innen aus jeder der beiden Partnerstädte bringen jeweils zehn eigene Gedichte in die Werkstatt ein. Zum Beginn der Expedition liegen die Texte neben dem Original als interlineare, möglichst wortgetreue Übersetzung in der jeweils anderen Sprache vor. Auf dieser Grundlage arbeiten die Autor:innen gemeinsam an den Gedichten und suchen nach passenden poetischen Entsprechungen.

Das Besondere an „Expedition Poesie“ ist, dass die Dichter:innen selbst zu Übersetzer:innen ihrer Texte werden. Professionelle Übersetzer:innen übernehmen nicht die abschließende Textfassung. Stattdessen entsteht die Übersetzung im direkten Austausch der Autor:innen – begleitet von einer Dolmetscher:in.
Wort für Wort, Bild für Bild und Zeile für Zeile wird über Bedeutung, Klang, Rhythmus und kulturelle Zusammenhänge gesprochen. Dabei geht es immer wieder um die Frage: Wie lässt sich ein Gedanke, ein Bild oder eine Stimmung so in die andere Sprache übertragen, dass die Poesie erhalten bleibt – oder vielleicht sogar eine neue Form findet?
So wird Übersetzen zu einem kreativen und interkulturellen Prozess. Die Unterschiede zwischen den Sprachen werden nicht als Hindernis verstanden, sondern als Ausgangspunkt für neue Perspektiven und poetische Möglichkeiten. Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, eine einzige „richtige“ Übersetzung zu finden. Im gemeinsamen Ringen um Sprache können unterschiedliche Lösungen und verschiedene Fassungen eines Gedichts entstehen. Gerade diese Vielfalt ist Teil des Reizes der Expedition: Ein Originalgedicht kann in der anderen Sprache neue Nuancen, Rhythmen, Bilder oder Bedeutungen entwickeln – und dadurch gewissermaßen ein neues poetisches Eigenleben gewinnen.
Die gemeinsame Arbeit schafft einen intensiven Austausch über Sprache und Literatur hinaus. Die Dichter:innen lernen die kulturellen Hintergründe, persönlichen Erfahrungen und poetischen Arbeitsweisen ihrer Kolleg:innen kennen. Aus der Zusammenarbeit entstehen neue Texte, persönliche Kontakte und langfristige internationale Verbindungen. Am Ende entstehen zweisprachige Publikationen.

Den Abschluss bildet eine öffentliche zweisprachige Lesung in den beteiligten Städten. Die Gedichte werden im Original und in den gemeinsam erarbeiteten Übersetzungen präsentiert. Zugleich erhalten die Zuhörer:innen Einblicke in den Übersetzungsprozess und erleben, wie aus einer Begegnung zwischen zwei Sprachen neue poetische Stimmen entstehen.
Die Expeditionen führten bislang nach Prag, Granada, Melbourne und Jakarta.

Expedition Poesie als Best Practice

Die „Expedition Poesie“ wurde als Beispiel internationaler kultureller Zusammenarbeit in die deutschen Staatenberichte zur Umsetzung der UNESCO-Konvention über den Schutz und die Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen aufgenommen. Das von Heidelberg initiierte Projekt fördert den literarischen Austausch zwischen UNESCO-Literaturstädten und stärkt die kulturelle Vielfalt über Sprach- und Ländergrenzen hinweg.

Dritter deutscher Staatenbericht zur UNESCO-Konvention (2020)
Dokumentation der Projektentwicklung und der frühen Kooperationen mit Prag und Granada.

Vierter deutscher Staatenbericht zur UNESCO-Konvention (2024)
Dokumentiert die Weiterentwicklung des Projekts und seine internationale Vernetzung im UNESCO Creative Cities Network.

Online erhältliche E-Publikationen bisheriger Editionen

Expedition Poesie Heidelberg - Jakarta (2024/25)

Vierte Expedition

Im Herbst 2024 fand die Übersetzerwerkstatt Expedition Poesie Heidelberg–Jakarta in den Räumlichkeiten des Goethe-Instituts Jakarta statt. Dabei übertrugen die Heidelberger Autor:innen Charlotte Döhrmann, Claudia Kiefer und Hans Thill gemeinsam mit den indonesischen Autor:innen Elisabeth Yane Ardanesywari, Bageur Al Ikhsan und Angelina Enny ihre Gedichte jeweils in die andere Sprache (Deutsch/Indonesisch). Begleitet wurde die Werkstatt während des gesamten Projekts von Martina Heinschke als Übersetzerin und Kulturvermittlerin. Die Ergebnisse wurden im Rahmen einer öffentlichen Abschlusspräsentation in Jakarta vorgestellt.
2025 wurde der Austausch mit einem Gegenbesuch der indonesischen Teilnehmer:innen in Heidelberg fortgesetzt. Die Ergebnisse der Zusammenarbeit wurden am 14. Oktober 2025 im Völkerkundemuseum Heidelberg präsentiert. Der Aufenthalt umfasste darüber hinaus Begegnungen mit dem Heidelberger Publikum sowie weitere Programmpunkte im Rahmen der internationalen Aktivitäten der UNESCO City of Literature Heidelberg.

Expedition Poesie Heidelberg - Melbourne (2022) online

Expedition Poesie Heidelberg-Melbourne mit Bel Schenk, Hans Thill (©Annette Mück), Jo Langdon, Dominik Kohl, Ray Liversidge, Sofie Morin (© Robert Marcus Klump), Şafak Sarıçiçek (© Christian Buck), Thuy On, Miriam Tag, Holly Childs

Die Dritte Expedition Poesie fand während der Pandemie statt und wurde vollständig online durchgeführt. Beteiligt waren Autor:innen und Dichter:innen aus Heidelberg und Melbourne. Aus Heidelberg nahmen Dominik Kohl, Sofie Morin, Şafak Sarıçiçek, Miriam Tag und Hans Thill teil; aus Melbourne waren Holly Childs, Jo Langdon, Ray Liversidge, Thuy On und Bel Schenk beteiligt.
Damit war diese Expedition deutlich größer angelegt als die vorherigen Ausgaben. Während an den ersten Expeditionen jeweils drei Autor:innen beteiligt waren, arbeiteten bei der dritten Ausgabe insgesamt zehn Autor:innen aus den beiden Städten zusammen. Entsprechend umfangreicher war auch das entstandene Material, das sich hier nachlesen lässt.

Ergebnisse und Erfahrungsberichte im Video

Im Nachgang der "Expedition Poesie Heidelberg - Melbourne" wurden unter Federführung des Wheeler Centre Melbourne 5 kurze Filme produziert, in denen in Tandems über den Übersetzungsprozess berichtet wird und ausgewählte Originalgedichte und Übersetzungen vorgetragen werden.

Expedition Poesie Heidelberg - Granada (2018)

Zweite Expedition

2018 führte die Expedition Poesie nach Granada, UNESCO City of Literature seit 2014.
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Beteiligt waren aus Heidelberg Carolin Callies, Dorina Heller und Hans Thill sowie aus Granada José Carlos Friebe, Trinidad Gan und José Carlos Rosales.
Die Autor:innen arbeiteten an Übertragungen zwischen Deutsch und Spanisch. Auch hier wurden die Texte zunächst interlinear übersetzt und anschließend gemeinsam poetisch bearbeitet.
Jede:r der sechs Autor:innen brachte zehn eigene Gedichte mit. Ausgangspunkt waren Wort-für-Wort-Übertragungen, die anschließend gemeinsam gelesen, diskutiert und literarisch bearbeitet wurden. Unterstützt wurden die Teilnehmer:innen dabei von der Übersetzerin und Dolmetscherin Tamara Cortés.
Nach einer gemeinsamen Lesung am 6. November 2018 im Centro Federico García Lorca wurde das Projekt im Dezember mit zwei Lesungen in Heidelberg und Mannheim fortgesetzt.
Die Ergebnisse sind wiederum im kostenlosen E-Book nachzulesen. 

Expedition Poesie Heidelberg - Prag (2016/17)


Die erste Expedition

Den Auftakt bildete 2016 die Zusammenarbeit mit Prag, UNESCO City of Literature seit 2014.
Aus Heidelberg nahmen Frank Barsch, Anne Richter und Hans Thill teil. Die Prager Gruppe bildeten Wanda Heinrichová, Radek Malý und Vendula Vartová.
Die sechs Autor:innen arbeiteten gemeinsam an der Übertragung ihrer Gedichte zwischen Deutsch und Tschechisch. Die Ergebnisse wurden anschließend in Prag, im dortigen Goethe-Institut und beim Gegenbesuch 2017 in Heidelberg (Theaterwerkstatt) und in Mannheim (im dortigen Goethe-Institut) öffentlich vorgestellt.

Publikation
Expedice poezie / Expedition Poesie – Poeten aus zwei Sprachen übersetzen ihre Gedichte miteinander: Heidelberg–Prag
Die zweisprachige Publikation dokumentiert die Originalgedichte und die im Rahmen der Werkstatt entstandenen Übersetzungen.

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